Von Plumheim zu Pflaumheim Wann aus dem alten Plumheim der Name Pflaumheim entstanden ist, und wann aus der ersten Ansiedlung im wiesenreichen und fruchtbaren Bachgrund sich das Gemeinwesen entwickelt hat, das in etwa mit unserer heutigen Gemeinde vergleichbar wäre, ist noch unerforscht. Relativ jüngere Zeugen des eigenständigen Gemeinwesens Pflaumheim sind das bald 450 Jahre alte Rathaus und die mindestens ebenso alte Dorfmauer, die noch in Teilen vorhanden ist. Auch das auf einer Landkarte von Babenhausen und Umgebung aus dem Jahre 1581 (Staatsarchiv Darmstadt) eingezeichnete »pflaumheim« dokumentiert die real existierende Ortschaft in damaliger Zeit. In noch viel früheren Epochen, nämlich im 8. Jahrhundert, ist Pflaumheim in Urkunden und Schriften genannt. Zahlreiche Ausgrabungen aus der Vor und Frühgeschichte bezeugen darüber hinaus eine zeitige Besiedlung. Der Name Pflaumheim steht im Zusammenhang mit dem vor dem Bachgau bestandenen Plumgau, an dem Bachlauf, der bei uns Welzbach, aber in seinem Quellauf noch heute Pflaumbach heißt. Es genügt hier sicherlich der kurze Hinweis, dass der Name Pflaumheim von dem alt und mittelhochdeutschen Wort »bluome«, »pluomo« kommt und nichts mit der Pflaume zu tun hat. Der Bachgau ist das geschichtliche Umfeld Eine nicht mindere Bedeutung für Pflaumheim hatte der Bachgau, dessen erste urkundliche Erwähnung in einer Schenkungsurkunde aus dem 11. Jahrhundert datiert ist, wo dem Kloster Seligenstadt eine Hube Land übergeben worden war. Der Bachgau ist das geschichtliche Umfeld Pflaumheims schlechthin. Wie die Grenzen des Bachgaues verliefen und welche Orte dazugehörten, ist umstritten und letztlich ungeklärt. Zentraler Ort mit übergeordneter Bedeutung für den ganzen Bachgau war lange Zeit Großostheim gewesen. Hier war der Sitz des Oberhofes und des Landgerichts. Ursprünglich war der Bachgau königliches Dominialgut. Noch 1024 hatte der deutsche Kaiser Heinrich II. die Centgerichtsbarkeit im Bachgau. Er übergab diese im gleichen Jahr an das Kloster Fulda, von dort wurden die Herren von Münzenberg beauftragt, das Gerichtswesen auszuüben. Durch eine Heirat zwischen dem Hause Münzenberg und der Herrschaft von Hanau kam der Bachgau zu Hanau. Die Hanauer verkauften im Jahre 1278 das Landgericht Bachgau für 600 Aachener Mark an Erzbischof Werner von Mainz. Doch auch danach gab es um den Bachgau noch Streitereien. Von 1284 bis 1291 beanspruchte Kaiser Adolf von Habsburg die Gerichtsbarkeit im Bachgau, auch die Grafen von Hanau versuchten den Mainzern den Bachgau immer wieder streitig zu machen und es gab blutige Fehden, in deren Verlauf um 1299 viele Dörfer geplündert und zerstört wurden. Bei anstehenden Königswahlen gab der Mainzer Erzbischof seine Stimme nur gegen die ausdrückliche Bestätigung, dass der Bachgau unwiderruflich in Mainzer Besitz bleibt. Seinen Rang im Bachgau verlor Großostheim mit dem Verlust des Oberhofes, weil sich der Bachgau 1525 am Bauernkrieg beteiligt hatte. Der Amtmann oder Obervogt von Großostheim unterstand wieder dem Vicedom von Aschaffenburg. 1782 wurde das Land neu organisiert und der Bachgau verlor seine politische Bedeutung und blieb nur noch ein geographischer Begriff. Großostheims Ansehen verlor sich zu Gunsten Obernburgs. Obernburg wurde Sitz der Amtsvogtei, der die Orte Obernburg, Großostheim, Pflaumheim, Wenigumstadt, Mosbach, Radheim, Dorndiel, Mömlingen, Eisenbach, Großwallstadt und Niedernberg angehörten. Der Reichtum des alten Plumheim war sein fruchtbarer Lößboden. Vermutlich gab es auch deshalb zahlreiche Rechte und Besitzungen der Klöster und des herrschenden Adels: So das Stift Aschaffenburg, die Ulner und Groschlag von Dieburg, das Domkapitel zu Mainz, das Kloster Schmerlenbach, die Kommende in Mosbach, die Herren von Hanau, der Herr von Schrautenbach, um nur die bedeutendsten zu nennen. Das brachte für die Bauern nicht nur Pacht und Zinslasten, sondern bot vielleicht auch mehr Schutz bei Kriegen und unsicheren Zeiten. Kriegerische Auseinandersetzungen gab es in früheren Jahrhunderten mehr als genug. Hatten die Bauern mal nicht unter Brandschatzungen und Plünderungen zu leiden, so mußten die durchziehenden Truppen verköstigt und Futter für die Pferde bereitgestellt werden. Zu der, wegen des 1993 begangenen 250jährigen Jahrestages, aktuellen Schlacht bei Dettingen ist im Pflaumheimer Heimatbuch u.a. zu lesen: »1743 liegen wieder Franzosen hier und verursachen Auslagen für Fourage, Fronen und Wachhalten. In Aschaffenburg befindet sich das französische Hospital und erhält von Pflaumheimer Bauern Kälber geliefert. 1744 sind Dragoner hier einquartiert.« Unsichere und kriegerische Zeiten haben die Pflaumheimer Mitte des 16.
Jahrhunderts veranlaßt, eine drei Meter hohe Dorfmauer zu bauen,
die in Teilen heute noch vorhanden ist. So an der Wenigumstädter
Straße (im rückwärtigen Scheunenbereich der Anwesen an
der Schulgasse) und im nordwestlichen Teil der Straße »An
der Dorfmauer«. Die Mauer wurde unter den ersten namentlich bekannten
Bürgermeistern Claus Dil und Peter Grawel, damals Landschöff
genannt, gebaut. Der »Mauerbau« war 1571 abgeschlossen. Rathausbau zeugt von selbstbewußten Bürgern Kriegerische Zeiten waren es auch, als die Pflaumheimer unter dem Landschöffen Claus Dil 1548 ihr Rathaus bauten. Selbstbewußt steht es mitten im Dorf und zeugt noch heute, nach fast 450 Jahren, von der Kommunalen Selbständigkeit des alten Pflaumheim. Unsere Generation kann froh sein, daß in den siebziger Jahren die Vernunft gesiegt hat und das Haus nicht dem Straßenverkehr geopfert worden ist. Heute ist das Pflaumheimer Rathaus das älteste noch erhaltene Rathaus im Landkreis. Das Heimatbuch berichtet aus dieser Zeit: »Schlimm erging es dem Bachgau während des Schmalkaldischen Krieges. Das schmalkaldische Bundesheer kam auf seinem Rückzug am 8. Dezember 1547 in den Bachgau und vor Aschaffenburg. Es verübte schwere Gewalttätigkeiten; was man nicht verzehren konnte, wurde zerstört, Vieh, Frucht und Wein wurden fortgeführt.« Und weiter: »1552 zogen die Raubheere des Marktgrafen Albrecht von Brandenburg und des Grafen Christoffel von Oldenburg sengend, brennend und mordend durch das Mainzer Obererzstift, jede Stadt, jedes Dorf, jeden Hof einäschernd, der nicht alles hergab, und besonders die geistlichen Besitzungen mit Feuer verheerend. Am 05. Juli erschienen sie vor Aschaffenburg; die Stadt mußte sie einlassen, 100000 Gulden Brandschatzung zahlen und dafür Geißeln stellen. Trotzdem wurden das Schloß, die Häuser der Adeligen und einiger Geistlichen beim Abzug angezündet. Nilkheim, das schon vorher unter Überschwennnungen des Maines und verheerenden Seuchen viel zu leiden hatte, wurde 1552 größtenteils niedergebrannt. Daher mag es auch kommen, daß um 1560 und 1570 sowohl in Pflaumheim als auch in Großostheim die Dorfmauern teils verstärkt, teils neu aufgebaut wurden, um gegen ähnliche Überfälle besser geschützt zu sein.« Das war also die Lage, als die Pflaumheimer ihr Rathaus bauten: Kriege und Notzeiten! Über 400 Jahre lang wurden in diesem Rathaus Ortsgeschichte geschrieben und die Geschicke der Gemeinde bestimmt. In diesem Haus fanden die Gerichtssitzungen des Obervogten von Großostheim statt, die vorher im Freien »unter der Linde« abgehalten wurden. Hier tagte das sogenannte »Petersgericht«, und zwar einmal im Jahr, an Petri Stuhlfeier (22. Februar). Der Schulmeister ist ein studierter MannEnde des 17. Jahrhunderts, also vor 300 Jahren, bemühte man sich in Pflaumheim, den Schulunterricht einzuführen. Einen Schulzwang gab es allerdings nicht, es war alles freiwillig, und viele Eltern schickten ihre Kinder gar nicht oder nur kurze Zeit in die Schule, weil es Geld kostete und die Kinder auch als Arbeitskräfte gebraucht wurden. Mitte des 18. Jahrhunderts war die Mainzer Regierung bestrebt, die allgemeine Schulbildung zu heben. Die Gemeinden mussten über die schulischen Verhältnisse berichten. Der Pflaumheimer Bericht ist einer der günstigsten: »Wir haben einen Schulmeister, er heißt Simon Wüst. Der Schulmeister wird vom Herrn Pfarrer, Landschöff und Gericht eingesetzt. Der Schulmeister schlägt die Orgel selbst, versteht den Choral und die Musik und die Rechenkunst. Die Schule hat 51 Kinder; die Knaben und Mädchen sitzen »apart«, sie lernen lesen, schreiben und auch rechnen. Die Schule beginnt nach Allerheiligen und dauert bis Ostern, Christliche Lehre ist alle 14 Tage in der Pfarrkirche nach dem Gottesdienst.« 1764 werden vielerorts untaugliche Schulhalter abgesetzt, da melden die Pflaumheimer, ihr Schulmeister sei ein »studierter Mann«. Um 1760 wird die Sommerschule eingeführt, sie dauerte von Ostern bis Michaeli, war aber schwächer besucht als die Winterschule. Das erste Schulhaus war das gemeindliche Armenhaus neben der Kirche. An der Stelle des 1924 abgebrochenen Häuschens steht heute das Haus Schulgasse 6. In der ca. 25 Quadratmeter großen Schulstube wurden jahrelang etwa 120 Kinder unterrichtet. 1822 wurde nach Einführung des Schulzwangs, auf der gegenüberliegenden Seite (früher Bauhof der Gemeinde, heute Vereinsheime), ein Lehrsaal gebaut. 1853/54 wurde das danebenstehende Schulhaus errichtet, dieses wurde 1927 umgebaut. 1904 wurde das Schulgebäude an der Kirchtreppe gebaut, das 1928 für Lehrerwohnungen umgebaut wurde. Um 1897 und 1913 wurde sogar im Rathaus Schule gehalten. Pflaumheim wird bayerischNach 1800 spielte sich anfangs unter der Macht Napoleons und nach dessen Sturz durch den Wiener Kongreß eine großräumige Gebietsreform ab. Der Mainzer Kurfürst verlor seine linksrheinischen Gebiete. Der Raum um Aschaffenburg wurde selbständig und bildete das Fürstentum Aschaffenburg unter Karl von Dalberg. 1814 wurde Aschaffenburg und damit auch der Bachgau, im Tausch gegen Tirol, dem Königreich Bayern einverleibt. Ebenfalls auf Grund eines Tauschhandels wurden die alten Bachgauorte Mosbach, Radheim und Dorndiel an Hessen abgetreten. Pflaumheim hatte damals 739 Einwohner. Unter bayerischer Herrschaft wurde 1837 der Regierungsbezirk Unterfranken und Aschaffenburg als mittlere Verwaltungsbehörde gebildet. Der Zusatz »und Aschaffenburg« blieb bis 1938. Dann folgte unter dem nationalsozialistischen Regime die Bezeichnung »Mainfranken«, bis es 1946 wieder »Unterfranken« hieß. War Pflaumheim bislang immer zusammen mit Großostheim unter gleichen »Obrigkeiten«, änderte sich dies 1862: Pflaumheim wurde zusammen mit Wenigumstadt dem neugebildeten Bezirksamt Obernburg zugeteilt, während Großostheim dem Bezirksamt Aschaffenburg angehörte. Man sagt, daß die gute Bodenqualität der Gemarkung und damit die Steuerkraft der beiden Gemeinden ausschlaggebend gewesen sei, den in dieser hinsicht benachteiligtem Bezirk Obernburg etwas zu stärken. Guter Ackerboden galt also noch vor 130 Jahren als Reich und wohlhabend. Weitblickende EntscheidungenDie Entwicklung Pflaumheims ging in all den Jahren stetig vorwärts. Um 1840 stieg die Einwohnerzahl knapp über die Tausender-Grenze. Bei der Volkszählung 1864 hatte Pflaumheim 1065 Einwohner. Im 19. Jahrhundert kam es zu weit blickenden Entscheidungen der Bürgerschaft:
Die kriegerischen Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert Der Deutsche Bruderkrieg 1866 und der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 gingen an Pflaumheim glimpflich vorüber. 1866 biwakierten Truppen hier und requirierten Hafer, Heu, Pferde und Wägen. 24 junge Männer mußten an dem Krieg teilnehmen, einer wurde bei Roßbrunn verwundet. 1870/71 standen 41 Pflaumheimer unter Waffen, es wurden mehrere verwundet, einer starb im Lazarett. Dem Gedächtnis der Veteranen von 1866 und 1870/71 ist eine Gedenktafel an der Frontseite der Kirche gewidmet. Der Markt Großostheim hat die Tafel 1992 erneuert. Post, Bahn und Stromversorgung In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts gab es entscheidende Verbesserungen im Dorf: Am 01. April 1901 wurde eine Posthilfsstelle errichtet, die ab 01. Oktober 1902 in eine Postagentur aufgestuft worden ist. Die Postagentur war in der neugebauten Gastwirtschaft »Zur Post«, Postagent war der Postwirt Peter Hock. 1903 wurde eine öffentliche Telefonzelle eingerichtet. In diesen Jahren gab es auch die ersten Postomnibusverbindungen nach Aschaffenburg. Nach langen Verhandlungen und Planungen wurde im Jahre 1909 mit dem Bau der Bahnlinie Aschaffenburg-Höchst begonnen. Ab dem 01. Mai 1911 wurde die Strecke bis Großostheim befahren, und ab dem 01. Dezember 1912 war die gesamte Strecke in Betrieb. Pflaumheim konnte sich eine Haltestelle unmittelbar am Ort erkämpfen, nachdem der Bahnhof auf Intervention der Gemeinde Wenigumstadt zwischen den beiden Gemeinden erstellt wurde. Der in unserer Zeit immer mehr zunehmende Individualverkehr zwang die Bundesbahn, am 25. Mai 1974 die Strecke aufzugeben. Es folgte die Versorgung des Dorfes mit Elektrizität: 1920 wurde mit der Kreis-AG, dem heutigen Überlandwerk Unterfranken, der erste Stromlieferungsvertrag abgeschlossen. Landesweit bekannt wurde Pflaumheim im Jahre 1935 durch das Sippentreffen der Namensträger Zahn. Über 700 Zahne aus ganz Deutschland und teilweise aus dem Ausland trafen sich hier. Deutsche und ausländische Zeitungen berichteten darüber. Für 1995 wird zum 60jährigen Jubiläum ein Sippentreffen vorbereitet. Die Weltkriege und das Dritte ReichZwischenzeitlich hatten die Menschen den Ersten Weltkrieg (1914 - 1918) erleiden müssen. Er war vermutlich leidvoller und schrecklicher als die kriegerischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts. Vor allem waren viel mehr Todesopfer zu beklagen. Von den über 300 Kriegsteilnehmern aus Pflaumheim sind 48 nicht mehr zurückgekehrt. Dazu müssen noch fünf auswärts wohnende Pflaumheimer und drei weitere, die an den Kriegsfolgen frühzeitig daheim verstorben sind, gezählt werden. In der noch vor Kriegsausbruch erweiterten Pfarrkirche wurde nach dem Krieg ein Kriegergedächtnisaltar mit Namenstafeln der Gefallenen errichtet. Heute sind diese an der Außenmauer der Kirche, auf der Seite zum Gefallenen-Ehrenmal, angebracht, das von Gemeinde und Vereinsring 1961 errichtet worden ist. Es folgte, nach schwerer Nachkriegszeit mit Weltwirtschaftskrise und Inflation in den zwanziger Jahren, 1933 das totalitäre nationalsozialistische Dritte Reich mit einer wahnwitzigen Kriegspolitik eines größenwahnsinnigen Adolf Hitler, der auch in Pflaumheim seine Anhänger fand: Hatten bei den Reichstagswahlen am 05. März 1933 in Pflaumheim noch die Bayerische Volkspartei 584 und die Sozialdemokraten 130 Stimmen gegen 66 Stimmen für die NSDAP, so bekam die NSDAP bei einer freilich nicht mehr demokratischen Wahl am 14. Oktober 1933 von 889 abgegebenen Stimmen 798. 91 Stimmen wurden ungültig abgegeben. Mit der Machtergreifung wurden die gewählten Bürgermeister und Gemeinderäte »zurückgetreten« und von der Partei am 31. Juli 1935 der Kaufmann August Stegmann als Die Politik Hitlers führte unweigerlich zum noch schrecklicheren Zweiten Weltkrieg (1939 - 1945). Pflaumheim hatte im ersten Kriegsjahr 1939 insgesamt 1546 Einwohner, von denen wiederum weit über 300 Männer eingerückt waren: Am 31. Juli 1944 wurden 241 Einberufene gezählt, dazu kommen 44 bereits Gefallene, vier entlassene Kriegsversehrte, elf in Rußland Vermißte und sechs in westlicher Gefangenschaft Weilende. Dies ergeben zusammen 306 Personen. Im Dezember 1944 wurden noch 207 männliche Einwohner zwischen 16
und 60 Jahren gezählt, die nicht eingezogen waren. Insgesamt sind
bei Kriegsende 78 Gefallene und 21 Vermißte zu beklagen. Dazu kommen
noch 14 Gefallene und Vermißte der Heimatvertriebenen. Am 25. März, dem Palmsonntag des Jahres 1945, ging die Kriegsfront über unsere Gemeinde hinweg. Es war eigentlich ein schöner, warmer Frühlingssonntag. Schon nachts und frühmorgens ziehen versprengte deutsche Truppenteile aus Richtung Odenwald und Westen durch unser Dorf in Richtung Mömlingen und Spessart. Am wolkenlosen, blauen Himmel kurven amerikanische Jagdflugzeuge, beschießen und bombardieren die fliehenden Gegen 11.30 Uhr werden amerikanische Panzerspitzen auf der Straße von Schaafheim nach Großostheim gesichtet. Ohne Aufenthalt stoßen diese bis nach Nilkheim vor. Amerikanische Panzerverbände biwakieren an der Ringheimer Mühle und an der Pflaumheimer Sandkaute. Um 13.45 Uhr hißt der Kirchendiener Ludwig Rollmann auf dem Kirchturm die weiße Flagge, und bald darauf ist das ganze Dorf weiß beflaggt. In der Karwoche ist am Bergweg/Eckpfad amerikanische Artillerie in Stellung gegangen und beschießt Nacht für Nacht die »Festung Aschaffenburg«. Bei den Kämpfen um Aschaffenburg ist der 21jährige Pflaumheimer Gabriel Schuler als Soldat gefallen. Er wird von seinem Vater und seinem Großvater mit dem Pferdefuhrwerk in Schweinheim geholt und in Pflaumheim beerdigt. Der Schweinheimer Pfarrer Karl Umenhof hatte die Familie verständigt. Am Montag, dem 26. März 1945, erscheinen die ersten Amerikaner auf dem Rathaus und lassen bekanntmachen, daß sich alle in Urlaub befindlichen Soldaten sofort melden müssen; sie kommen in Gefangenschaft. Sämtliche Waffen sind abzuliefern. Niemand darf das Dorf verlassen. Von 18.00 Uhr bis 7.00 Uhr besteht Ausgangssperre. Am 17. April 1945 findet in der Gastwirtschaft Hock eine Bürgerversammlung statt. Unter Aufsicht eines bewaffneten amerikanischen Soldaten wird von 36 Nichtparteimitgliedern mit 25 gegen 11 Stimmen der Schmiedemeister Gabriel Schadt zum 1. Bürgermeister gewählt. 2. Bürgermeister wird der Landwirt Rudolf Ostheimer. Als Gemeinderäte werden berufen: Landwirt Karl Peter, Arbeiter und Landwirt Franz Raab, Schreiner Jakob Brunn, Schneidermeister Friedrich Stegmann, Schneidermeister Heinrich Rollmann. Der bisherige Bürgermeister August Stegmann wird abgesetzt. Waren schon während des Krieges immer wieder evakuierte Menschen in Pflaumheim unterzubringen, die aus luftkriegsgefährdeten Gebieten gekommen waren, so setzte nach dem Krieg die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten ein. Ende Mai 1946 traf der erste Transport mit 130 Menschen, fast nur Frauen, Kinder und Greise, vorwiegend aus Schlesien ein. Am 04. Oktober 1946 kamen 116 Personen aus Mähren und am 30. Oktober nochmals 67 Vertriebene aus dem Sudetenland. Pflaumheim, das zu Beginn des Jahres 1946, 1625 Einwohner zählte, wuchs bis 31. Dezember 1946 auf 1969 Personen an, davon waren 521 Heimatvertriebene und Evakuierte. Der Eingliederungsprozeß war für beide Teile nicht einfach. Neben dem Mangel an Lebensnotwendigem war nun auch die Wohnungsnot gekommen. Mit beiderseitigem guten Willen mußte es aber weitergehen. Nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 ging es langsam, aber stetig
aufwärts. Es gab Arbeit und Brot. Bald wurden erste Baugebiete geschaffen
und es wurden Häuser gebaut. Beispielgebend halfen sich die Heimatvertriebenen
gegenseitig beim Bauen. Es folgten Eheschließungen zwischen Einheimischen
und Vertriebenen, und heute sind sie nach fast 50 Jahren längst Pläumer
geworden. Im Schritt mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik begann die Gemeinde Pflaumheim - inzwischen auf über 2000 Einwohner angewachsen - ihre Infrastruktur zu verbessern. Am dringendsten war der Bau einer Wasserleitung. Bisher wurde das Dorf durch sechs öffentliche Brunnen und zahlreiche Hausbrunnen mit Wasser versorgt. Es kam, insbesondere in trockenen Jahren, immer wieder zu Wassermangel. Bei der Bürgermeisterwahl 1948 war der Wahlkampf unter der Parole »Für den Bau einer Wasserleitung« geführt und von Bürgermeister Gustav Peter auch gewonnen worden. Zunächst plante man einen Anschluß an die durch Pflaumheim
führende Großostheimer Wasserleitung aus Wenigumstadt. Vom
Landesamt für Wasserversorgung wurde dies aber verworfen, weil der
Großostheimer Hochbehälter für beide Gemeinden zu klein
sei und für das Neubaugebiet »Hintergraßhausen«
zu tief liege. 1952 war es soweit, daß mit dem Bau von Hochbehälter und Leitungsnetz begonnen werden konnte. Ein gutes Beispiel von Gemeinschaftssinn lieferte dazu die Einwohnerschaft: Das Leitungsnetz wurde im sogenannten »Hand- und Spanndienst« ausgeführt. Das heißt: Jeder Haushalt hatte 5 Meter Leitungsgraben auszuheben, die meisten leisteten freiwillig 10 Meter und mehr. Der Hochbehälter war inzwischen soweit fertig, im Frühjahr 1953 folgte dann das Brunnenhaus. Am 10. Juli 1953 wurden die ersten Häuser mit Wasser versorgt, und bis Weihnachten 1953 war die Verlegung der Rohre und die Einrichtungen der Hausanschlüsse in der Hauptsache beendet. Vom 26. bis 29. Juni 1954 feierten die Pflaumheimer ihr Wasserfest, mit Weihe der Anlage durch Pfarrer Barthels. Ein großes Gemeinschaftswerk war vollendet. Das Festefeiern hat dann so gut gefallen, daß im Juni 1958 ein
einwöchiges Heimatfest folgte, das der 1955 gegründete Vereinsring
ausrichtete. Höhepunkt war die Uraufführung des Freilichtspiels
am Rathaus »Der Schneider im Hungerturm«, das der Landwirt
und Feuerwehrkommandant Albert Schuler nach einer Pflaumheimer Sage verfaßt
hatte und von Pfarrer Barthels bearbeitet worden war. Die Einwohnerzahl Pflaumheims war 1963 auf über 2400 Menschen angestiegen. Seit einigen Jahren waren starke Geburtsjahrgänge zu verzeichnen. Die Frage des Schulhausneubaus war inzwischen brennend notwendig geworden. Noch unter Bürgermeister Gustav Peter, der am 22. Februar 1962 verstarb, wurde der erste Abschnitt des Schulhausneubaus am St.-Luzia-Weg geplant und begonnen. Es wurden 4 Schulsäle, eine Schulküche, Sonder- und Verwaltungsräume gebaut. Mit Schuljahresbeginn 1963/64 konnte die Schule, die von Rektor Rupert Motz geleitet wurde, den Neubau beziehen. Gleichzeitig war aber auch die alte Schule am Kirchplatz noch voll belegt. Wegen Platzmangel im Rathaus »mietete« sich die Gemeindeverwaltung unter Bürgermeister Gottfried Hock, mit zögernder Zustimmung der Schulbehörde, in die noch nicht gänzlich gebrauchten Verwaltungsräume ein. Als Rathaus, so war die Planung, sollte später das alte Schulhaus am Kirchplatz dienen. Schon 1967 wurde der zweite Bauabschnitt mit vier weiteren Lehrsälen und einem Werkraum errichtet und 1973 eine 22x42 Meter große Schulsporthalle gebaut. Die größte Sporthalle im Bereich der Großgemeinde, noch heute. Die Baukosten für den ersten Baubschnitt beliefen sich auf 650000 Mark, der zweite forderte 548000 Mark und die Sporthalle gar 1,2 Millionen Mark. Am Allerheiligentag 1962 wurde der neu angelegte Friedhof am Bergweg
eingeweiht, und am Allerheiligentag 1967 folgte das Leichenhaus. 1968 wurde mit tatkräftiger Unterstützung der Feuerwehr selbst das Feuerwehrhaus an der Mömlinger Straße errichtet, das heute, nach dem Bau der modernen Feuerwache auf Pflaumheimer Gemarkung an der Sandkaute durch die Großgemeinde, nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck dient und deshalb von der Gemeinde Großostheim veräußert wurde. Schon Anfang der sechziger Jahre beteiligte sich die Gemeinde Pflaumheim an der Bildung des Abwasserverbandes Bachgau und an dem Bau der Sammelkläranlage und den Sammelleitungen, um die Abwasserfrage optimal lösen zu helfen. Von 1962 (Inkrafttreten des Bundesbaugesetz) bis 1978 hatte die Gemeinde zur Schaffung von Bauland 14 Bebauungspläne mit rund 58 Hektar Grundfläche für 462 Bauplätze aufgestellt, neun Baulandumlegungen eingeleitet, davon sechs abgeschlossen. In allen Ländern der Bundesrepublik Deutschland regten sich in den sechziger Jahren Reformbestrebungen mit dem Ziel, auf Landkreisund Gemeindeebene größere Verwaltungseinheiten zu schaffen. Für die beiden Gemeinden Pflaumheim und Wenigumstadt eröffnete sich nun die Möglichkeit, einem immer wieder aufgeflammten Wunsch nachzukommenn und in den Landkreis Aschaffenburg zu wechseln. Es wurde schon seit Jahrzehnten auch immer wieder mit dem Landkreiswechsel »gedroht« und »gepokert«. So lesen wir beispielsweise im Protokollbuch des Pflaumheimer Gemeinderates unter dem 27. Februar 1925 folgenden Beschluß: »Mit 8 gegen 4 Stimmen wurde beschlossen, die Gemeinde Pflaumheim bei dem Bezirksamt Obernburg zu belassen, nur unter der Bedingung, daß die Straße von Pflaumheim bis zur Grenze (Mömlingen) als Distriktstraße erklärt und die Unterhaltung durch den Distrikt bestritten wird.« Nun, die Straße wurde damals vom Distrikt (Landkreis) noch nicht übernommen (das geschah erst 1964) und trotzdem ist Pflaumheim im Bezirk Obernburg geblieben. Mit dem Wechsel zum Landkreis Aschaffenburg werde auch die Eingemeindung
Pflaumheims eingeleitet, so wurde gewarnt. Ob dies ausschlaggebend gewesen
ist oder nicht, ist heute Spekulation. In drei Sitzungen befaßte
sich der Gemeinderat mit der Landkreisfrage. Am 03. September 1971 beschließt
der Gemeinderat mit 8 gegen 2 Stimmen, der Eingliederung in den Landkreis
Aschaffenburg zuzustimmen. Ungleich einschneidender für Pflaumheim wurde das Ergebnis der Gemeindegebietsreform: Die Zielplanung der bayerischen Staatsregierung ging von einer Einheitsgemeinde Großostheim unter Einbeziehung der Gemeinden Pflaumheim und Wenigumstadt aus. Die von Pflaumheim angestrebte und von Wenigumstadt nur halbherzig tolerierte Verwaltungsgemeinschaft zwischen den beiden Gemeinden fand bei der Regierung keine Zustimmung. Der Gemeinderat Pflaumheim hat sich in den Jahren von 1971 bis 1976 in 14 Sitzungen mit der Gemeindegebietsreform befaßt und am 30.12.1975 - dem letzten Termin der »Freiwilligkeitsphase« und den damit zusammenhängenden höheren Finanzzuschüssen- »notgedrungen« den Zusammenschluß der drei Gemeinden zu einer Einheitsgemeinde mit 7 gegen 5 Stimmen beschlossen. Der Name Pflaumheim, so heißt es in dem Beschluß, soll als Ortsname erhalten bleiben! Sämtliche Beschlüsse zur Gebietsreform sind in der zum 01.
Mai 1978 erschienenen »Dokumentation zur Auflösung der Gemeinde
und Eingliederung in den Markt Großostheim« abgedruckt. Sie
lassen die ganze Dramatik dieses umwälzenden Vorgangs erkennen. In einer verhaltenen, aber durchaus selbstbewußten Veranstaltung versammelten sich die Pflaumheimer am Samstag, dem 22. April 1978, abends in der Schulsporthalle, um von der Selbständigkeit Abschied zu nehmen. Der Gemeinderat stiftete eine auf 100 Exemplare limitierte Bürgermedaille für verdiente Bürgerinnen und Bürger. An diesem Abend wurden 55 Personen damit ausgezeichnet (inzwischen hat der Markt diese Medaille an weitere 26 Personen verliehen). Die bereits erwähnte Dokumentation erhielt jeder Haushalt. Dazu gab es noch einen Erinnerungskrug an dieses wichtige Datum. Am Abend vor und in der Nacht zum 01. Mai 1978 gab es, im Gegensatz zur Nachbargemeinde Wenigumstadt, keine offiziellen Feiern. Unbekannte »Patrioten« hatten die Ortstafeln mit der Aufschrift »Gemeinde Pflaumheim« während der Nacht mit Trauerflor behängt. Heute, 16 Jahre nach der Eingemeindung ist festzustellen, daß Pflaumheim nicht untergegangen ist und der Markt Großostheim bestrebt ist, die Ortsteile gleichmäßig zu betreuen. Freilich läßt die in verschiedenen Größen übernommene »Erblast« dies oft nach außen nicht so erscheinen. Die Gemeinde Pflaumheim, so darf hier wohl festgestellt werden, ist mit sauberen Verhältnissen, geordneten Finanzen und zeitgemäßer Infrastruktur in die Großgemeinde eingetreten. Der Ortsteil ist bis heute im Marktgemeinderat angemessen vertreten: Bei der ersten Kommunalwahl nach der Eingemeindung 1978 wurden 6 Vertreter in den Gemeinderat gewählt, 1984 waren es 4 und 1990 7 Gemeinderatsmitglieder. Durch Nachrücken im Januar 1993 erhöhte sich die Zahl auf 8 Pflaumheimer Gemeinderäte in dem 25köpfigen (24 Ratsmitglieder plus Bürgermeister) Gremium. Gemeindezusammenschluß wurde schon früher versucht Das Zusammenlegen von Gemeinden wurde übrigens schon vor mehr als
100 Jahren versucht: Überlegungen einer Zusammenlegung von Pflaumheim
und Wenigumstadt zu einer Einheitsgemeinde im Jahre 1867 konnten sich
nicht durchsetzen. Ein erneuter Versuch im Jahre 1890, die beiden Gemeinden
zu einer »gemeinschaftlichen Bürgermeisterei« mit dem
Sitz in Pflaumheim zu vereinen, scheiterte an der einstimmigen Ablehnung
der Wenigumstädter (Weber, »Wenigumstadt-Beiträge zur
Geschichte einer Bachgaugemeinde«, 1977, S.193). Es scheint also ein schon von lang her drohendes Schicksal gewesen zu sein, wegen der Nähe zu Großostheim eines Tages die Selbständigkeit zu verlieren. Eine eigenständige, intakte Dorfgemeinschaft können wir uns aber erhalten, wenn wir dies nur wollen! |